Ich steh früh auf, springe kurz unter die Dusche und putze meine Zähne. Um 6:40 Uhr morgens bin ich fertig. Die Morgenluft ist noch frisch: Meine Haare auf den Armen stellen sich auf zu Gänsehaut. Ich denke darüber nach, ob ich einen Pulli einpacken sollte, aber verliere den Gedanken, als Emeka mich ruft. Ebuka, sein Bruder, ist schon los.
Mit schnellen Bewegungen macht Emeka die Sitze sauber. Ich öffne schon einmal das Tor, lass Emeka durchfahren, um es hinter uns zu schließen. Als Erstes werden wir seine Schulkinder abholen.
Wir fahren an Kindern vorbei, deren Rucksack fast größer ist als sie selbst. Die Pedale werden nur von ihren Fußspitzen berührt auf den Fahrrädern, die sie auf der asphaltierten Straße fahren. Andere Kinder sitzen zwischen ihren Geschwistern hinter ihren Eltern auf Motorrädern oder Rollern. Und wieder andere laufen; die Älteren halten die Hand von den Jüngeren. Nicht viele Yellow-Yellow-Fahrer bringen Schulkinder.
Die Bezahlung ist meistens nur monatlich; die Schulzeiten schränken die Fahrer ihrer Flexibilität ein. Dazu kommt, dass es schwierig für Eltern ist, jemanden zu finden, der vertrauenswürdig und zuverlässig ist.
Es werden einige Worte ausgetauscht und laut gelacht. So langsam macht sich aber auch mein Hunger bemerkbar, es war noch keine Zeit zu frühstücken.
“Mittwochs sind eher ruhigere Tage”, sagt er. Es ist nicht viel los, weshalb er sich dafür entscheidet, eine Freundin zu besuchen, die er lang nicht mehr gesehen hat.
Eine weitere Erinnerung kommt in mir hoch, von letztem Jahr, als ich wieder einmal von Accra nach Tamale zurückgekommen bin. Es war 5 Uhr morgens, Emeka holte mich von der Bushaltestelle ab. I saß still hinten. Er blickte durch den Rückspiegel zu mir nach hinten und sagte: "Du beobachtest, oder?" Manchmal reden wir; manchmal fahren wir einfach im Stillen, jeder in seinen Gedanken versunken.
Am Tor zum Flughafen, reicht Emeka der Sicherheitsperson fünf Cedis, der uns darauf in durchwinkt. Die Straße ist sehr glatt, anders als die holprige Straße, die zurück in die Stadt führt. Wir bringen die beiden Passagiere zu ihrem Terminal und beeilen uns zurück.
Es gibt so viele Geschichten, zu viele, um sie alle hier zu teilen. Wer Lust auf mehr hat, muss wohl mit dem Yellow-Yellow von Emeka fahren.
Manchmal tauschen wir kaum oder gar kein Wort mit ihnen. Andere Male können wir uns dabei erwischen, wie wir ihnen uns öffnen - von unserem Tag, unseren Problemen oder anderen Lebensgeschichten erzählen. Einige Fahrer werden wir nie wieder sehen. Und andere werden über Zeit ein Teil unseres Lebens. Wie viel wissen wir wirklich über die Menschen, die uns fahren?
Tamale ist im Norden Ghanas die drittgrößte Stadt. Hier ist das meist genutzte Verkehrsmittel, das Yellow-Yellow: ein motorisiertes Dreirad, welches es anders als sein Name in verschiedenen Farben gibt. Neuerdings gibt es sogar einige elektrische, die mich mit ihrem "Motorengeräusch" an Flughafen-Shuttles erinnern.
Fünf Personen passen in ein Yellow-Yellow: Zwei vorne, drei hinten und das Gepäck passt hinter die Rücksitze oder wird auf das Dach geschnürt. Jedes Yellow-Yellow ist von seinem Fahrer/ seiner Fahrerin personalisiert innen sowie außen. Innen haben die Polsterungen unterschiedliche Farben, und es hängen Duftbäume, Glücksbringer oder andere Dekorationen am vorderen Fenster, welche im Rhythmus der Straße mit schwingen. Außen wird mit reflektierenden Streifen oder mit gemalten Mustern verziert.
Das Design macht das Gefährt einzigartig und leichter erkennbar für Passagiere und andere Fahrer. Es ist üblich, dass sich Fahrer mit Hupen grüßen oder an der Ampel oder im Überholen kurz austauschen.
Wir wohnen im gleichen Haus. Jeden Morgen, kurz nach 6:30 Uhr höre ich ihn und seinen Bruder, wie sie ihre Yellow-Yellows putzen und dann nach einander das Haus verlassen. Spät am Abend kommen beide zurück. Nach einem langen Tag sitzen wir oft noch zusammen und reden darüber, wie unser Tag war, und so beginnen die meisten Geschichten, die ich von Emeka erfahre.
Manche Geschichten sind lustig, manche traurig und manche wieder so absurd, dass es schwer ist, zu glauben, dass sie wahr sind. Eines Tages fragte ich Emeka, ob ich mal mitkommen kann.
Glossar
Yellow-Yellow
Das meist genutzte öffentliche Verkehrsmittel in Tamale, Ghana.
Bofrot
Ein rundes, leicht süßliches frittiertes Gebäck, welches ohne Füllung kommt und als beliebter Snack gilt, wird an der Straße verkauft.
Fulani
Eine ethnische Gruppierung in Westafrika.
Fuo
Ein Bezirk in Tamale, im Norden von Ghana.